Islamabad/Bombay/Washington - Die pakistanische Regierung vermutet einen regionalen Führer des Terrornetzwerks Al-Kaida hinter dem Mordanschlag auf Oppositionsführerin Benazir Bhutto vom Donnerstag. Es gebe starke Hinweise darauf, dass das Attentat von dem pakistanischen Extremistenführer Baitullah Mehsud verübt worden sei, sagte ein Sprecher des Innenministeriums am Freitag bei einer Pressekonferenz in Islamabad. Das Ministerium widersprach Berichten, dass Bhutto an Schussverletzungen gestorben sei. Vermutlich sei sie durch die Wucht der Explosion mit dem Kopf an einen Hebel des offenstehenden Schiebedachs ihres Geländewagens geschlagen.
Sprecher Javed Cheema berichtete von einer abgefangenen Mitteilung, einem Telefonat, in dem Mehsud seinen Leuten zum Mord an Bhutto gratulierte. Mehsud hält sich vermutliche in der Region Süd-Waziristan an der afghanischen Grenze auf. Dort hatten seine Kämpfer in den vergangenen Monaten mehrere Anschläge auf Sicherheitskräfte verübt.
Bereits vor Bhuttos Rückkehr aus dem Exil hatte die Al-Kaida damit gedroht, ihre Männer würden die Politikerin mit Selbstmordanschlägen ´willkommen heißen´. Mehsud stecke auch hinter dem Anschlag vom 18. Oktober auf eine Freudenparade bei der Rückkehr Bhuttos aus dem Exil, so Cheema weiter. Dabei wurden rund 140 Menschen getötet. Die Oppositionsführerin Bhutto blieb damals unverletzt.
Pakistans Innenminister Hamid Nawaz hatte bereits vor der Erklärung des Ministeriumssprechers die Al-Kaida sowie auch die radikal-islamischen Taliban für das tödliche Attentat auf Bhutto vom Donnerstag verantwortlich gemacht. Dafür habe die Regierung Beweise.
Gestorben ist die frühere Ministerpräsidentin Bhutto laut Innenministerium nicht durch Schüsse, die unmittelbar vor dem Selbstmordattentat auf sie am Donnerstag in Rawalpindi abgegeben wurden. In Bhuttos Körper seien keine Kugeln oder Geschoßteile gefunden worden; sie sei auch nicht durch Schrapnell oder herumfliegende Teile nach der Explosion getroffen worden. Den Angaben zufolge starb die 54-jährige Politikerin vielmehr an einem Schädelbruch. Eine Autopsie, mit der dies belegt werden könnte, habe auf Wunsch der Familie Bhutto nicht stattgefunden. Das Innenministerium zeigte auf Videoaufnahmen von den letzten Momenten vor dem Anschlag.
Der Attentäter hatte seine Bombe gezündet, als Bhutto am Ende einer Wahlkampfveranstaltung vom aufgeklappten Dach ihres Fahrzeuges aus ihren Anhängern zuwinkte. Zuvor hatte er geschossen. Die Explosion ereignete sich, als Bhutto versuchte, sich ins Innere des kugelsicheren Fahrzeuges zurückzuziehen. Rund 20 Menschen starben.
Auch Experten zufolge trug das Attentat die Handschrift der Al-Kaida, die von einer Destabilisierung Pakistans am meisten profitieren würden. Bhutto hatte ihnen als einzige Politikerin Pakistans offen den Kampf angesagt und war für eine säkulare und westliche Ausrichtung des muslimischen Landes eingetreten. Viele Anhänger der langjährigen Rivalin von Präsident Pervez Musharraf verdächtigten aber auch die Regierung, für den Anschlag verantwortlich zu sein.
Bhutto wollte bei den Wahlen am 8. Jänner zum dritten Mal den Posten der Regierungschefin erobern. Trotz ihres Todes bekräftigte die pakistanische Regierung, zunächst an dem Urnengang festzuhalten, der nach langjähriger Militärherrschaft die Rückkehr zur Demokratie ebnen sollte. Bhuttos Partei erklärte dagegen eine 40-tägige Trauerzeit. Nach dem Oppositionspolitiker Nawaz Sharif von der konservativen Muslim-Liga (PML-N) erklärte auch der frühere Cricketstar und Chef der Partei Tehreek-e-Insaf (Gerechtigkeitsbewegung) Imran Khan einen Wahlboykott. Beide riefen Musharraf zum Rücktritt auf.
Am Tag nach ihrer Ermordung strömten die Menschen in Massen in das südpakistanische Dorf, in dem Bhutto in einem weißen, mit einer Kuppel gekrönten Familienmausoleum zur Ruhe gelegt wurde. Die Trauernden weinten und schluchzten, zum Zeichen ihres Kummers schlugen sie sich gegen Brust und Stirn. Im ganzen Land nahmen Millionen Menschen Anteil. Nach Unruhen während der ganzen Nacht mit - nach offiziellen Angaben - 32 Toten drohten sich Trauer und Wut auch am Rande der Beerdigung in Gewalt Luft zu machen. ´Schande über den Mörder Musharraf, Schande über den Mörder USA´, riefen Bhuttos Anhänger, die der Regierung mangelnden Schutz für die Politikerin und den USA fehlende Unterstützung vorwerfen. Die Regierung erhöhte die Sicherheitsvorkehrungen und entsandte zusätzliche Truppen in mehrere Städte von Bhuttos Heimatprovinz Sindh.
Das pakistanische Atomwaffenarsenal ist der US-Regierung zufolge trotz der politischen Unruhen sicher. Derzeit gebe es keinen Grund zur Sorge, sagte ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums am Freitag in Washington.
Erschienen am 28.12.2007
Quelle: AFP