"Atomfürst" wird er genannt, seit Karl Schwarzenberg die österreichischen Temelin-Demonstranten als "Spinner" bezeichnet hat. Während wir uns am Telefon unterhalten, wird Fürst Karl Schwarzenberg, seines Zeichens Außenminister von Tschechien, gerade in seinem Dienst-BMW von Prag zu einer Seelenmesse eines Vetters nach Ostböhmen chauffiert. "Das dauert mindestens zwei Stunden", stöhnt Schwarzenberg, "also fragen Sie ruhig lange." Er ist gut drauf an diesem Morgen, scherzt immer wieder und gibt zwischendurch seinem Fahrer Anweisungen auf Tschechisch. Im Hintergrund hört man das Rauschen des Autos.
KURIER: Herr Minister, tut es Ihnen inzwischen leid, die österreichischen Temelin-Gegner als "Spinner" bezeichnet zu haben?
Karl Schwarzenberg: Mein Ausdruck war magoři, das haben manche Medien als Trottel bzw. Narren übersetzt. Genau genommen ist Magoři einer, der stets denselben Unsinn wiederholt. Nein, es tut mir nicht leid.
KURIER: Es ist Ihrer Meinung nach also Unsinn, was die österreichischen Temelin-Gegner machen?
Schwarzenberg: Na, ich bitte Sie! Leute, die andere Menschen belästigen und den nachbarschaftlichen Verkehr behindern, tun doch nichts Sinnvolles. Ich habe jedes Verständnis für Gegner der Kernkraft, mit denen muss man ernsthaft reden. Aber ich habe null Verständnis dafür, dass Leute, die friedlich über die Grenze fahren wollen, durch Grenzblockaden zwei Stunden lang im Stau stecken.
KURIER: Haben Sie auch Verständnis für die Sicherheitsbedenken, die viele Menschen, übrigens nicht nur Demonstranten, beim Kraftwerk Temelin haben?
Schwarzenberg: Nein, denn Temelin ist ein sicheres Kraftwerk. Sogar noch sicherer als so manches deutsche AKW, einfach weil es jünger ist. An der deutschen Grenze aber wird nicht demonstriert, bei den bayrischen Kraftwerken handelt es sich offenbar um deutsche Qualitätsarbeit.
KURIER: Gerade soll Tschechien laut einer tschechischen Öko-Organisation wieder einen Störfall vertuscht haben.
Schwarzenberg: Ich habe das gestern überprüft, diesen Störfall gibt es nicht. Wenn man natürlich jeden Vorfall, jeden Blödsinn meldet und manche Medien daraus dann Störfälle konstruieren, dann wird diese Diskussion nie aufhören.
KURIER: Halten Sie es nicht für realistisch, dass Tschechien mit finanzieller Hilfe aus Europa aus der Kernkraft aussteigen könnte?
Schwarzenberg: Das ist völlig unrealistisch! Im Monsterbau Temelin stecken Milliarden drin, einen Ausstieg kann sich das Land nicht leisten. Und ich bezweifle, ob Österreich zum Beispiel wirklich bereit wäre, jene Milliarden zu bezahlen, die die Grünen für einen Ausstieg vorschlagen. Nein, Tschechien ist auf Atomkraft angewiesen. Österreich übrigens auch.
KURIER: Aber nur zu einem kleinen Teil.
Schwarzenberg: Schauen Sie sich die Stromimporte einmal an! Österreich sollte offen zugestehen, wie viel Prozent an Strom tatsächlich aus Grenzkraftwerken bezogen wird. Diese Ehrlichkeit vermisse ich.
KURIER: Am Donnerstag haben Sie mit Außenministerin Ursula Plassnik das Temelin-Problem beraten. Da war von Eiszeit die Rede.
Schwarzenberg: Die Eiszeit wurde auch konstruiert. Unter der Schlagzeile war dann ein Bild des weltberühmten Eisbären Knut zu sehen. Sehr passend.
KURIER: Und Sie haben gemeint, eine Eiszeit könne man sich bei dieser Hitze ja nur wünschen.
Schwarzenberg: Knut würde mir sicher zustimmen. Und Sie doch auch, nicht wahr? (Lacht laut und kann gar nicht mehr aufhören) .
KURIER: Spaß beiseite, wie würden Sie die tschechisch-österreichischen Beziehungen bezeichnen?
Schwarzenberg: An und für sich sind sie hervorragend. Nur brauchen halt beide Seiten immer wieder a bissl Streit. Wie in einer Familie. Wir sind einander so ähnlich, so verwandt, so benachbart, dass wir uns gegenseitig auf den Wecker gehen. Tschechen-Bashing ist ja mittlerweile schon zum Volkssport geworden.
KURIER: Um Missverständnissen vorzubeugen: Übersetzen Sie doch bitte "Bashing".
Schwarzenberg: Nein, das übersetze ich lieber nicht! (Anm.: Bashing bedeutet "schlecht machen", auch "verprügeln"). Wir brauchen das, denn wir sind so verwandt, dass wir die Namen der Politiker und der Fußballspieler in beiden Ländern mühelos austauschen könnten, ohne dass es jemandem auffallen würde.
KURIER: Es müsste ja Ihre ureigenste Aufgabe sein, diese komplizierte Beziehung zu verbessern.
Schwarzenberg: Da überschätzen Sie die Möglichkeiten des tschechischen Außenministers. Diese Beziehungen können nur die Lehrer und die Eltern verbessern, und das über Generationen hinweg. Denn in Wahrheit geht es ja bei der Temelin-Diskussion auch um viel ältere Konflikte, um Nachwehen des 19. Jahrhunderts.
KURIER: Herr Minister, Sie sind Tscheche, wohnen zum Teil in Österreich und haben einen Schweizer Pass. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Schwarzenberg: Gott sei Dank an vielen Orten. Im "Tirolerhof" in Wien, im "Louvre" in Prag. Im Schloss Murau genauso wie auf Schloss Orlik in Böhmen.
KURIER: Zu Hause ist dort, wo jemand auf einen wartet?
Schwarzenberg: Ja, zumindest bildet man sich das immer ein.
KURIER: 1948 wurde Ihre Familie enteignet: Elf Schlösser und 30.000 Hektar Land wurden Ihnen damals weggenommen . . .
Schwarzenberg: Alles ein Blödsinn! (Schwarzenberg gibt seinem Chauffeur auf Tschechisch Anweisungen, wo es langgehen soll) Das war mit Abstand nicht so viel, und die Enteignung betraf auch nur einige Zweige unserer Familie. Natürlich war es rechtsstaatlich nicht in Ordnung, aber wir leben im 20. Jahrhundert! Solange ich gesund bin, solange ich das letzte Jahrhundert überlebt habe, ohne in einem Lager oder Kotter gewesen zu sein, solange ich Brot habe zu essen und auch noch eine Butter drauf und am Sonntag ein Schnitzel, so lange werde ich mir doch darüber keine Gedanken machen.
KURIER: Warum nicht?
Schwarzenberg: Andere Familien sind ausgerottet worden! Das hat mich mein Vater schon von Kind an gelehrt: Wer die Gnade hat, in eine solche Familie hineingeboren zu werden, der muss auch damit leben, dass sich aus der Geschichte eben ein Kommen und Gehen ergibt. Die Schwarzenbergs wurden im Lauf der Jahrhunderte sieben Mal enteignet. So ist es nun einmal.
KURIER: Warum haben Sie sich das eigentlich mit 70 Jahren angetan, noch einmal in die Politik zu gehen?
Schwarzenberg: Weil ich, wie es Konrad Lorenz bei seinen Graugänsen ausgedrückt hat, schon im Kindesalter politisch geprägt wurde. Den Wiederaufbau jener Republik mitzugestalten, an deren gewaltsamem Ende die Vertreibung meiner Eltern stand, das ist eine große Herausforderung.
KURIER: In Österreich ist am Donnerstag Kurt Waldheim gestorben: Was hinterlässt er in Ihren Augen?
Schwarzenberg: Ich kannte Kurt Waldheim über 40 Jahre hindurch, Gott hab’ ihn selig. Ihm ist ohne Zweifel sehr viel Unrecht getan worden, denn ich bin überzeugt, dass er niemals an Kriegsverbrechen beteiligt war. Hätte er offener mit seiner Vergangenheit umgehen können, wäre ihm viel erspart geblieben. Ich glaube aber, dass in der Stunde seines Todes seine Verdienste als Außenminister und Generalsekretär der Vereinten Nationen im Vordergrund stehen sollten.
KURIER: Und nicht mehr die Vergangenheitsbewältigung?
Schwarzenberg: Genau. Das muss doch für jeden Verstorbenen gelten: Am Grab wird nicht mehr getadelt, da erinnert man sich an die guten Zeiten.
Erschienen am 17.06.2007
Quelle: Kurier