Tschechiens Außenminister Fürst Karl Schwarzenberg greift die Atomgegner an: "Temelín wird noch fünfzig Jahre laufen", meint der Politiker. Im Interview mit NEWS äußert sich Schwarzenberg über die Angst vor Temelín, deren Ursachen und die Lösung.
NEWS: Können Sie nachvollziehen, dass viele Österreicher Angst vor Temelín haben?
Karl Schwarzenberg: Natürlich. Es gibt immer Menschen, die aus den verschiedensten Gründen Ängste haben. Etwa davor, dass das Ende der Welt naht oder dass uns ein Asteroid trifft.
NEWS: Aber da ist Temelín doch eine realistischere Bedrohung.
Schwarzenberg: Man muss vor Temelín genauso wenig Angst haben wie vor jedem anderen Kernkraftwerk. Auch die Menschen, die am Staudamm von Kaprun oder nahe eines Donaukraftwerks leben, müssten sich ja ständig fürchten, dass die Dämme brechen. Auch wenn Sie in ein Flugzeug steigen, könnte das mit einem Absturz enden - und trotzdem fliege ich immer wieder aufs Neue. Das Leben ist nun mal gefährlich und endet gemeinhin mit dem Tode.
NEWS: Aber ganz ehrlich: Beschleicht Sie nicht auch manchmal ein mulmiges Gefühl, wenn es in Temelín dauernd zu Störfällen kommt?
Schwarzenberg: Entschuldigen Sie, man muss sich einmal ernsthaft anschauen, was das, was in Österreich so gern als Störfall bezeichnet wird, in Wirklichkeit ist.
NEWS: Was ist es denn?
Schwarzenberg: Gemäß dem Melker Abkommen melden wir jeden noch so kleinen Zwischenfall an Österreich - und das ist auch gut so. Bekanntermaßen gibt es aber eine internationale siebenstufige Skala, auf der die Zwischenfälle bewertet werden. Das, was in Temelín aufgetreten ist, hat die Bewertung 0 beziehungsweise 1, also ganz unten auf der Skala und weit davon entfernt, ein Störfall zu sein.
NEWS: Aber nur aus Temelín kommen dauernd solche Meldungen.
Schwarzenberg: Ja, weil nur wir zur Meldung verpflichtet sind. Sie werden doch nicht glauben, dass es bloß in Temelín zu Beeinträchtigungen kommt? Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass wir zwar nicht das sicherste Kraftwerk betreiben, aber europaweit im guten oberen Drittel liegen.
NEWS: Warum schauen dann alle in Österreich ausschließlich auf Temelín?
Schwarzenberg: Daran trägt ein Konglomerat von Dingen die Schuld. Zum einen spielen die historischen Probleme zwischen Tschechien und Österreich eine Rolle. Studien haben schon vor Jahrzehnten ergeben, dass für die Österreicher Tschechien die unpopulärste Nation darstellt, und das dürfte sich nicht verbessert haben. Zum anderen hat es irgendwann Erfolg, wenn die größte Tageszeitung des Landes seit über zehn Jahren von einem "Schrottkraftwerk" spricht.
NEWS: Trifft es Sie, von dieser Zeitung als "Atomfürst" bezeichnet zu werden?
Schwarzenberg (lacht laut): Nein, solch ein Blödsinn stört mich wirklich nicht.
NEWS: Nun haben Sie aber die österreichischen Atomgegner als "magori" bezeichnet.
Schwarzenberg: Ja, Spinner auf gut Österreichisch. Jeder Mensch hat das Recht, seine Überzeugung zu vertreten und gegen die Kernkraft zu sein. Nur, wenn jemand, der eigentlich gegen die österreichische Regierung protestiert, damit diese Tschechien verklagt, am völlig falschen Ort, nämlich an der Grenze, anstatt am Ballhausplatz oder vor dem Parlament, sinnlos demonstriert, drängt sich irgendwann der Ausdruck Spinner auf.
NEWS: Seit Jahren geht der Temelín-Konflikt hin und her. Woran scheitert eine Lösung?
Schwarzenberg: In Wirklichkeit ist es ja ein innerösterreichisches Problem. Beide Großparteien haben Angst, nach links wie rechts Stimmen zu verlieren. Hinzu kommt, dass die Tschechen Temelín als die Krone der Kernkraftwerke betrachten, während die österreichische Politik Temelín als das Kernkraftwerk der "Krone" sieht und darauf Rücksicht nimmt.
NEWS: Für Prag ist der Melker Prozess also abgeschlossen?
Schwarzenberg: Ich bin durchaus dankbar, dass wir auf gewisse technische Mängel aufmerksam gemacht wurden und diese behoben haben. Natürlich kann man immer noch mehr fordern - um jede Lösung zu verhindern. Wir haben international gängige Standards umgesetzt - entweder wird das akzeptiert, oder Österreich beharrt eben weiter darauf, dass es nicht genügt. Nur darf man nicht vergessen, dass Österreich, nach dem Nein zu Zwentendorf, wenig wirkliche Kenntnisse über Kernkraftwerke und deren Betrieb besitzt.
NEWS: Temelín wird also so lange laufen, bis es vom Netz geht?
Schwarzenberg: Ja, die nächsten 40, 50 Jahre wird es arbeiten, völlig richtig, daran führt kein Weg vorbei.
Das ganze Interview lesen Sie im aktuellen NEWS!
Erschienen am 02.06.2007
Quelle: networld